Nachruf Jutta Burdorf-Schulz

Annette Lepenies, Berlin

Jutta Burdorf-Schulz, eine Pionierin für das Early Excellence-Programm

Jutta Burdorf-Schulz war eine Pionierin für EEC in Deutschland und eine exzellente Expertin. Sie war interessiert an neuen Inhalten, immer abwägend und auf praktische Brauchbarkeit prüfend, dabei hilfsbereit und loyal und achtete stets darauf, das Beste für Kinder, Erzieher*innen und Eltern zu erreichen. So kann man sie kurz, aber bei weitem nicht umfassend beschreiben.

Die Heinz und Heide Dürr Stiftung hat die Arbeit von Jutta sehr gerne unterstützt, über 20 Jahre lang war sie der Stiftung eine wichtige Impulsgeberin und unterstützte sie tatkräftig in den verschiedenen Entwicklungsphasen des EEC-Projektes. Wir hatten sehr schnell erkannt, welche Persönlichkeit das PFH für das von der Stiftung initiierte Projekt einstellte. Jutta Burdorf-Schulz brachte mit ihrer kaufmännischen und sozialpädagogischen Erfahrung in unterschiedlichen sozialen Milieus im In- und Ausland – vor allem in Afrika – eine Kenntnis von Diversität mit, die wir in Deutschland zu der Zeit in der Interaktion mit Kindern und ihren Eltern noch nicht als vorrangig ansahen. Margy Whalleys Credo: „Jedes Kind, jede Mutter, jeder Vater verdienen von uns in ihrer eigenen Weise gewertet und unterstützt zu werden“, diese zutiefst demokratische und wertschätzende Einstellung dem Nächsten gegenüber hatte Jutta bereits mitgebracht und in ihrer eigenen Haltung verankert.

Für mich war sie in den 20 Jahren die wichtigste Vertraute, mit der ich alle Schwierigkeiten, Pläne, Entwicklungsideen für EEC und ihre Umsetzungen besprechen konnte.

Seit Beginn des Pilotprojekts am PFH im Jahre 2000 war Jutta Burdorf-Schulz mit der Leiterin Frau Müller verantwortlich für die Umsetzung des neuen pädagogischen Konzepts in den Kita-Alltag der Schillerstraße. Ihre Aufgabe war es, ein Schwerpunktthema des Ansatzes, die Partnerschaftliche Beziehung zu den Eltern, zu intensivieren und mit der Hilfe der Stiftung ein Familienzentrum aufzubauen.

Die Mitarbeiterinnen der Kita Schillerstraße durchliefen eine erstaunliche Transformation: von der neuen Zusammensetzung des Teams, der Auflösung des Gruppenprinzips hin zur Offenen Arbeit, der Verstetigung der neuen Beobachtungsinstrumente und der daraus hervorgehenden Förderung des Kindes. Die Einbeziehung der Familien, die vielen Besprechungen, Fort- und Weiterbildungen und die wachsenden Anfragen und Besuche der Fachpädagogen forderten alle heraus.

Die Kooperation des PFH mit Pen Green und die gegenseitigen Arbeitsbesuche und Konsultationen der Mitarbeiterinnen mit den Kolleginnen in Corby waren eine

Bereicherung für alle und ließen sie selbstbewusst in ihre neuen Aufgaben hineinwachsen.

Die Stiftung begrüßte die vielen Treffen mit Margy Whalley und ihrem Team und sorgte für Übersetzungen der englischen Schriften und weiteren Publikationen aus dem PFH. Denn der Anschluss an ein Best-Practice-Modell, das international hohe Anerkennung besaß, war wert es zu unterstützen und in Deutschland zu verbreiten.

Frau Müller, Frau Burdorf-Schulz und die Mitarbeiterinnen der Schillerstraße wurden versierte Expertinnen für EEC und verfassten Texte und Broschüren, die in ihrer Klarheit und Anschaulichkeit heute noch Grundlage für andere Einrichtungen sind. Juttas Texte, ihre PowerPoint Vorlagen, Zusammenfassungen und Scripts, die sie großzügig weitergab, findet man heute in vielen Veröffentlichungen über EEC wider.

Jutta Burdorf-Schulz wurde eine leidenschaftliche EEClerin. Ihrem Wunsch entsprechend in Pen Green, Corby, mehr zu lernen und dort einen Master of Arts in Integrated Provision for Children & Families zu erwerben, hat die Stiftung daher sehr gerne mehrere Jahre unterstützt.

In ihrer Masterarbeit von 2007 „A shared language means more than using the same words’, The challenge of involving parents as partners in the educational process“, untersucht Jutta Burdorf-Schulz theoretisch und praktisch in case-studies den Dialog mit den Eltern auf partnerschaftlicher Ebene. Sie erinnert an Martin Bubers ‚Dialogisches Prinzip’ und gibt dem EE Ansatz eine neue, (deutsche) philosophische Färbung. Martin Buber sieht das ‚Dialogische Prinzip’ als Grundtypus der sozialen Interaktion an. In der Begegnung zwischen dem Ich und dem anderen findet das Wesentliche unseres Menschseins statt. Jutta hat in der Begegnung mit dem anderen immer das Wesentliche deutlich gemacht. Das spürten alle Beteiligten und das machte ihre große Beliebtheit aus. Jedem war sie gleichmäßig zugewandt.

Als Leiterin der Kiezoase konnte sie später in ihrem Sinne einen EE-Campus aufbauen, der zum Anziehungspunkt im Bezirk wurde und bundesweit Beachtung gefunden hat. ‚Empowerment’ war ihr ein Anliegen, sie gab Eltern wie Mitarbeiterinnen den Mut zur Selbstwirksamkeit und nicht selten gelang es ihr, ihnen eine bessere Qualifikation zu ermöglichen. Die Stiftung unterstützte sie auch in den vielen niedrigschwelligen Eltern-Kind-Gruppen und Projekten.

Aufgrund des großen Interesses der Fachwelt an dem Konzept der Schillerstraße und ihrem Transfer auf andere Einrichtungen des PFH, gründete die Stiftung 2004 zusammen mit dem PFH den Verein: „Early Excellence – Zentrum für Kinder und ihre Familien e.V.“. Langfristig sollte das Modellprojekt verstetigt und für andere Einrichtungen zugängig werden. Das bereits erfolgreiche Multiplikatoren- Trainingsprogramm von Pen Green übertrug eine Arbeitsgruppe des PFH und der Stiftung auf deutsche Verhältnisse. Jutta Burdorf-Schulz übernahm ab 2007 für mehrere Jahre die Leitung und Organisation der Weiterbildung zum Berater und Beraterin des Early Excellence-Programms und wir beide verantworteten die fachliche Durchführung.

Wir hatten ein Interesse daran, dem Konzept von Early Excellence in seiner komplexen Dreiteilung: „Kinder fördern, Eltern stärken, Soziale Netzwerke bilden“ einen übergeordneten Rahmen zu geben. Für den inhaltlichen Zusammenhang der drei Teile, der jeder für sich eine Disziplinvielfalt beinhaltete und in der Durchführung auf pädagogische, empirische und praktische Erfahrungen angewiesen war, fehlte eine gemeinsame Richtschnur. Diese Aufgabe sollte der Ethische Code übernehmen, der für die deutsche Version des pädagogischen Ansatzes bedeutend wurde.

Für den äußeren, organisatorischen Zusammenhang, der die Einbettung des Ansatzes mit seinen drei Teilen in einen größeren sozialpolitischen Rahmen fasste, richteten wir uns nach dem „Sozialökologischen Modell“ Bronfenbrenners, so wie es vergleichbare Best-Practice-Projekte (z.B. Head-Start) bereits taten. Jutta Burdorf-Schulz hat dies in einer Broschüre für die Stiftung später noch einmal verdeutlicht.

Als Fachberaterin für EEC war Jutta eine sehr nachgefragte Fort- und Weiterbildungsdozentin, sie nahm diese Aufgaben gerne wahr, konnte sie doch auf diese Weise den EE-Ansatz konkret und auf die Situation bezogen in die einzelnen Einrichtungen bringen.

Jutta gab ihr Wissen und ihre Erfahrung großzügig weiter, wann immer sie gefragt wurde. Schnell beantwortete sie alle Fragen in einer klaren, verständlichen Sprache in ihren Supervisionen vor Ort und in ihren vielen Texten. In den Ausbildungsskripten für die Trainingsprogramme erkennt man heute ihre prägnanten Kurzfassungen wieder.

2015/ 2016 hat Jutta Burdorf-Schulz für die Stiftung das Weiterbildungskonzept für die Fachkraft Early Excellence konzipiert und durchgeführt, das nun in allen Weiterbildungsstandorten angeboten und besonders nachgefragt wird.

Ihre tückische Krankheit hat sie realistisch angenommen und so weit es ging, mit Hilfe von technischen Mitteln kompensiert. Per Augenkontakt bediente sie den Computer und blieb mit ihrer großen Anhängerschaft und ihren Mitarbeiter*innen in Kontakt.

Wir alle vermissen sie sehr.

Dr. Annette Lepenies
stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende der Heinz und Heide Dürr Stiftung