Kooperation entsteht häufig dadurch, dass die richtigen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Diese Synergieeffekte zu ermöglichen, ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben des Vereins.
Anna Kraftsoff

Impulsgespräch: Anna Kraftsoff
Dr. Anna Kraftsoff ist Partnerin bei der Deutschen Stiftungsanwälte Rechtsanwaltsgesellschaft mbH und Vorstandsvorsitzende von Berliner Stiftungen e.V. Sie war viele Jahre Leiterin des Berliner Regionalbüros des Deutschen Stiftungszentrums. Die Rechtsanwältin berät Stifter*innen und Stiftungen zu rechtlichen und strategischen Fragen und begleitet sie von der Gründung über Veränderungsprozesse bis zur langfristigen Ausgestaltung ihrer Stiftungsarbeit. Als engagierte Stimme des Stiftungssektors eröffnete sie 2025 und 2026 zudem die Berliner Stiftungswoche und setzte dabei wichtige Impulse für die Zukunft des Stiftungswesens.
HHD Stiftung: Vor zwei Jahren wurde der Verein Berliner Stiftungen e.V. gegründet – mit dem Ziel, Stiftungen stärker zu vernetzen, zivilgesellschaftliches Engagement sichtbarer zu machen und die Interessen Berliner Stiftungen gegenüber Politik und Verwaltung zu vertreten. Welche Erfahrungen haben Sie seit der Gründung gemacht, und wie gelingt es dem Verein, diese vielfältigen Aufgaben mit Leben zu füllen?
Anna Kraftsoff: Was mich besonders freut, ist, wie groß das Bedürfnis nach Vernetzung und einer gemeinsamen Stimme tatsächlich ist. Berlin verfügt über eine außerordentlich vielfältige Stiftungslandschaft – von sehr kleinen, ehrenamtlich geführten Stiftungen bis hin zu großen operativen und fördernden Organisationen. Diese Vielfalt ist eine große Stärke, sie führt aber nicht automatisch dazu, dass man voneinander weiß oder miteinander arbeitet.
Genau hier setzt der Verein an. Wir schaffen Räume für Begegnung und Austausch, bringen Stiftungen mit Politik und Verwaltung ins Gespräch und versuchen zugleich, Themen sichtbar zu machen, die viele Berliner Non-Profit-Organisationen gleichermaßen beschäftigen. Neben der Berliner Stiftungswoche bieten wir deshalb über das Jahr hinweg zahlreiche weitere Veranstaltungs- und Austauschformate an, bei denen unsere Mitglieder miteinander ins Gespräch kommen können.
Zuletzt haben wir beispielsweise eine kollegiale Fallberatung eingeführt. In diesem Kreis können Mitglieder konkrete Fragestellungen aus ihrer Arbeit einbringen und sich in einem vertraulichen Rahmen gegenseitig mit ihren Erfahrungen und Perspektiven unterstützen. Für mich ist das ein besonders schönes Beispiel dafür, was ein Netzwerk leisten kann: Es geht nicht nur darum, Kontakte zu knüpfen, sondern zunehmend auch darum, vertrauensvoll miteinander zu arbeiten und voneinander zu lernen.
Dabei erleben wir immer wieder: Kooperation entsteht häufig dadurch, dass die richtigen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Diese Synergieeffekte zu ermöglichen, ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben des Vereins.
HHD Stiftung: Die Berliner Stiftungswoche hat bereits zum 17. Mal stattgefunden. Wie würden Sie sagen, hat sich dieses Format in den letzten Jahren entwickelt?
Anna Kraftsoff: Die Berliner Stiftungswoche war von Anfang an ein besonderes Format, weil sie die enorme Bandbreite stifterischen Engagements in der Stadt sichtbar macht. Ich glaube aber, dass sie sich zunehmend zu einer gemeinsamen Plattform der Berliner Zivilgesellschaft und zugleich zu einem wichtigen Ort des Austauschs mit Politik und Verwaltung entwickelt.
Ein schönes Beispiel dafür ist der Neustifterempfang: In Zusammenarbeit mit der Berliner Stiftungsaufsicht haben wir dieses Format, das früher von der Senatskanzlei ausgerichtet wurde, in die Auftaktveranstaltung der Berliner Stiftungswoche integriert. Dort begrüßen wir die in Berlin neu anerkannten Stiftungen und bringen sie unmittelbar mit der bestehenden Stiftungslandschaft zusammen. Das wird von den Teilnehmenden als sehr bereichernder neuer Bestandteil der Auftaktveranstaltung wahrgenommen.
Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Beteiligung der Berliner Politik und Verwaltung an der Stiftungswoche. Bei der vergangenen Auftaktveranstaltung waren beispielsweise der Regierende Bürgermeister sowie die für Kultur und Justiz zuständigen Senatorinnen vertreten. Für mich ist das ein wichtiges Signal: Stiftungen und Verwaltung nehmen sich zunehmend als Partner wahr und kommen miteinander ins Gespräch.
Daneben bleibt mit über 100 Veranstaltungen die dezentrale Struktur eine große Stärke der Stiftungswoche: Die einzelnen Stiftungen öffnen ihre Türen, zeigen ihre Arbeit und bringen ihre eigenen Perspektiven ein. Dadurch entsteht ein sehr authentisches Bild davon, wie vielfältig Stiftungsarbeit in Berlin ist.
HHD Stiftung: „Warum die Zukunft uns braucht“ war das Motto der diesjährigen Stiftungswoche. Die Eröffnungsrede hielt Prof. Dr. Norbert Lammert, der das Thema aus historischer, gesellschaftlicher und politischer Perspektive beleuchtet hat. Wo hat die Rede aus Ihrer Sicht neue Denkanstöße gegeben?
Anna Kraftsoff: Für mich war besonders der Gedanke wichtig, dass Demokratie und eine offene Gesellschaft keine Selbstverständlichkeiten sind. Sie leben davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen und sich auch jenseits staatlicher Strukturen für das Gemeinwesen engagieren.
Das betrifft Stiftungen ganz unmittelbar. Wir sprechen häufig über Projekte, Förderprogramme und Wirkung. Die Rede hat den Blick noch einmal geweitet: Zivilgesellschaftliche Organisationen tragen auch Verantwortung für die gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen ihre Arbeit überhaupt stattfinden kann.
HHD Stiftung: Wie würden Sie die Aufgaben des Vereins im Verhältnis zum Bundesverband Deutscher Stiftungen beschreiben – wo liegen die Unterschiede und wo gibt es Berührungspunkte?
Anna Kraftsoff: Der Bundeverband Deutscher Stiftungen gehört zu den Gründungsmitgliedern unseres Vereins. Ich sehe uns nicht in Konkurrenz, sondern mit unterschiedlichen Aufgaben und Perspektiven. Der Bundesverband vertritt die Interessen des Stiftungswesens auf Bundesebene und bündelt Themen, die für Stiftungen in ganz Deutschland relevant sind.
Unser Schwerpunkt liegt sehr konkret auf Berlin. Gerade weil wir vor Ort agieren, können wir den Berliner Stiftungen eine Plattform bieten, die persönliche Begegnungen und einen unmittelbaren Austausch ermöglicht – nicht zuletzt aufgrund der kurzen Wege in der Stadt. Viele Kontakte und Kooperationen entstehen gerade dadurch, dass man sich regelmäßig persönlich begegnet und auch jenseits formaler Veranstaltungen miteinander ins Gespräch kommt.
Zugleich nehmen wir Themen auf, die die Stiftungen hier vor Ort beschäftigen, und können den direkten Austausch mit dem Berliner Senat, der Verwaltung und anderen Akteuren der Stadtgesellschaft organisieren. In den letzten zwei Jahren haben rund 600 NPOs an unseren Veranstaltungen teilgenommen. Das Interesse und die Bereitschaft mitzumachen ist also recht groß.
Gleichzeitig gibt es natürlich viele Berührungspunkte mit dem Bundesverband – etwa bei rechtlichen Rahmenbedingungen, bei Fragen der Stiftungsaufsicht oder bei der Wahrnehmung des Stiftungssektors insgesamt. Gerade deshalb halte ich eine gute Zusammenarbeit für wichtig: Die regionale und die bundesweite Perspektive ergänzen sich.
HHD Stiftung: Welche anderen deutschen Städte sind im Stiftungswesen besonders engagiert – und inwiefern unterscheiden sich dort die Voraussetzungen von Berlin?
Anna Kraftsoff: Deutschland hat mehrere Städte mit sehr starken Stiftungstraditionen – Hamburg ist sicherlich eines der prominentesten Beispiele, aber auch Frankfurt, München oder Stuttgart verfügen über eine ausgeprägte Stiftungslandschaft und gut entwickelte Netzwerke.
Berlin unterscheidet sich aus meiner Sicht vor allem durch seine besondere Mischung. Hier treffen eine große Zahl von Stiftungen, Politik und Bundesinstitutionen, Wissenschaft, Kultur, soziale Organisationen etc. und eine sehr internationale Zivilgesellschaft unmittelbar aufeinander.
Hinzu kommt eine enorme thematische Vielfalt. Das macht Berlin manchmal etwas unübersichtlich, bietet aber zugleich außergewöhnliche Möglichkeiten für Kooperation. Wenn wir von Berlin als „Stiftungshauptstadt“ sprechen, geht es für mich deshalb weniger um einen zahlenmäßigen Wettbewerb als um die Chance, diese unterschiedlichen Akteure miteinander zu verbinden.
HHD Stiftung: Welche besonderen Chancen und Herausforderungen sehen Sie für Stiftungen, die – wie die Heinz und Heide Dürr Stiftung – thematisch breit aufgestellt sind und in unterschiedlichen Handlungsfeldern aktiv sind?
Anna Kraftsoff: Eine breite Aufstellung bietet zunächst die Chance, gesellschaftliche Herausforderungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln anzugehen. Gerade bei einer Stiftung wie der Heinz und Heide Dürr Stiftung sieht man das sehr gut: Wenn man sich etwa für die Zukunftschancen junger Menschen einsetzt, können wissenschaftlich basierte Bildung, kulturelle Teilhabe und gesellschaftliches Engagement sinnvoll ineinandergreifen. Das Early Excellence-Programm ist dafür ein gutes Beispiel, weil es zeigt, wie unterschiedliche Förderansätze miteinander verbunden und über einen langen Zeitraum weiterentwickelt werden können.
Eine Herausforderung liegt allerdings darin, die eigenen Kräfte nicht zu sehr zu verteilen. Bei einer breiten thematischen Aufstellung stellen sich deshalb immer wieder die Fragen: Wo können wir mit unseren Mitteln tatsächlich etwas bewegen, welche Projekte wollen wir längerfristig begleiten und wo können vielleicht andere Akteure besser anknüpfen? Gerade bei einer breiten Zwecksetzung kann sich ein besonderes Profil daraus entwickeln, wie die verschiedenen Themen miteinander verbunden werden.
Und darin liegt zugleich wieder eine besondere Chance: Eine Stiftung, die in verschiedenen Bereichen tätig ist, kann Erfahrungen und Partner zusammenbringen, die sich sonst vielleicht gar nicht begegnen würden. Gerade solche Verbindungen finde ich spannend, weil daraus häufig neue Ideen und Kooperationen entstehen.
Vielen Dank für das Gespräch.


