24. März 2029 Bildung

Impulsgespräch: Marcus Luttmer

Wir schätzen die Stiftung als starke Kooperations- und Impulsgeberin, die ihre Expertise gezielt in zentrale Zukunftsthemen der frühkindlichen Bildung einbringt.

Marcus Luttmer

Seit Januar 2025 ist Marcus Luttmer Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Der diplomierte Sozialwissenschaftler bringt langjährige Erfahrung in den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe, Bildungsmanagement sowie Wissenstransfer mit. Zuletzt verantwortete er bei der Stadt Osnabrück den Fachdienst Kinder und damit die Weiterentwicklung der örtlichen Kindertagesstättenlandschaft. Zuvor war er unter anderem für den Paritätischen Berlin sowie in verschiedenen Funktionen des Bildungs- und Transfermanagements tätig. Mit dem nifbe ist er bereits seit vielen Jahren eng verbunden – als Beiratsmitglied der Regionalen Transferstelle SüdWest und als Partner in verschiedenen Kooperationsprojekten.

HHD Stiftung: Sie sind seit Anfang 2025 im Amt. Wie haben Sie die ersten eineinhalb Jahre erlebt und wo setzen Sie die Schwerpunkte?

Marcus Luttmer: Ich habe viele hochengagierte und fachlich äußerst versierte Menschen aus Wissenschaft und Forschung, der Erwachsenen- und Familienbildung, von Verbänden sowie kommunale Vertreter*innen und Träger kennengelernt. Sie alle arbeiten mit großem Einsatz daran, gute Bildungs- und Entwicklungsbedingungen für Kinder und Familien zu schaffen.

Gleichzeitig habe ich das nifbe als Organisation mit großer fachlicher Expertise kennengelernt. Ich bin sicher, dass wir sehr gut aufgestellt sind, um die wichtigen Themen der frühkindlichen Bildungslandschaft aufzugreifen und aktiv mitzugestalten. Dazu gehört insbesondere, die Professionalisierung der Fachkräfte weiter voranzutreiben und sie bei den wachsenden Anforderungen und Herausforderungen ihres Arbeitsalltags bestmöglich zu unterstützen.

Besonders freut mich die kollegiale Zusammenarbeit aller Mitarbeitenden im Institut. Das hohe Engagement, die Fachkompetenz und die Bereitschaft, gemeinsam neue Wege zu gehen, bilden eine starke Grundlage für unsere weitere Entwicklung.

Inhaltlich setzt das Institut weiterhin Schwerpunkte in Bereichen, die für die Qualität der frühkindlichen Bildung von zentraler Bedeutung sind. Zu diesem breiten Feld gehören unter anderem die Weiterentwicklung der Familienzentrumsarbeit und die Stärkung der Fachberatung. Beide Handlungsfelder leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Kitas, Fachkräfte und Familien nachhaltig zu unterstützen. Darüber hinaus arbeiten wir in einigen Drittmittelprojekten daran, aktuelle Herausforderungen und Zukunftsthemen der frühkindlichen Bildung aufzugreifen und gemeinsam mit unseren Partnern praxisnahe Lösungen zu entwickeln.

HHD Stiftung: Bei Ihrer Einführung sprachen sie unter anderem von der Erhöhung der bundesweiten Strahlkraft. Ebenso von der weiteren Etablierung der Professionalisierung in der frühkindlichen Bildung. Welche Rolle spielt dabei die Kooperation mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung?

Marcus Luttmer: Die Zusammenarbeit mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung ist für uns von großer Bedeutung. Wir schätzen die Stiftung als starke Kooperations- und Impulsgeberin, die ihre Expertise gezielt in zentrale Zukunftsthemen der frühkindlichen Bildung einbringt.

Besonders wertvoll ist, dass die Stiftung über langjährige Erfahrungen und fachliches Know-how bei der Implementierung des Early Excellence-Ansatzes sowie über ein breites Netzwerk verfügt. Diese Expertise ergänzt unsere eigene Arbeit hervorragend und eröffnet neue Perspektiven für die Weiterentwicklung der Arbeit der Familienzentren in Niedersachsen.

Die Zusammenarbeit lebt von gegenseitigem Vertrauen und dem gemeinsamen Ziel, nachhaltige Impulse für die Praxis zu setzen. Durch die Verbindung der fachlichen Kompetenz des Instituts mit den Erfahrungen und Netzwerken der Stiftung entstehen Synergien, die weit über einzelne Projekte hinauswirken. Gemeinsam können wir Themen sichtbarer machen, innovative Ansätze erproben und wichtige Entwicklungen anstoßen.

In diesem Sinne ist die Stiftung für uns eine engagierte Partnerin, mit der wir die Professionalisierung im Feld weiter vorantreiben und die Strahlkraft wichtiger Themen auch über Niedersachsen hinaus erhöhen wollen.

HHD Stiftung: Wie die Heinz und Heide Dürr Stiftung mit dem Early Excellence-Ansatz setzen Sie sich sehr für Familienzentren ein. Woher kommt diese Motivation und welche Potenziale sehen Sie in diesen Einrichtungen? Und welche Rolle spielt dabei das neugegründete „Netzwerk Familienzentrumsarbeit“?

Marcus Luttmer: Das nifbe setzt sich seit vielen Jahren für die Arbeit der Familienzentren ein. Dieses Engagement entstand aus der Überzeugung heraus, dass eine gute frühkindliche Bildung stets auch eine gute, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Familien erfordert. Heute wissen wir sehr genau, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Eltern und Bezugspersonen für die Entwicklung und Bildung von Kindern ist. Familienzentrumsarbeit ist ein idealer Ansatz, um aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden – insbesondere zur Armutsprävention, zur Integration von Familien mit Migrations- oder Fluchthintergrund und zur Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe, auch im Zuge der Verbesserung von Zugängen. All dies sind zentrale Aspekte, um die Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu erhöhen.

Familienzentren leisten hier einen enorm wichtigen Beitrag. Familienzentren sind offene Orte der Begegnung, Beratung und Bildung. Sie schaffen niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten und erreichen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Lebenssituation oder ihrem sozialen Hintergrund. Gerade Familien, die von sich aus nicht immer den Weg in Beratungs- oder Hilfesysteme finden, können hier unkompliziert Unterstützung erhalten.

Besonders wichtig ist dabei für mich der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe. Familienzentren stärken Eltern in ihrer Erziehungskompetenz, fördern den Austausch untereinander und schaffen Möglichkeiten, eigene Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Gleichzeitig fördern sie ein demokratisches Miteinander, indem sie Beteiligung ermöglichen, Menschen aktiv einbeziehen und einer Vereinsamung entgegenwirken.

Ein weiterer großer Mehrwert liegt in der Vernetzung im Sozialraum. Familienzentren bringen unterschiedliche Akteure zusammen – von Bildungs- und Beratungsangeboten über Gesundheitsdienste bis hin zu Vereinen und Initiativen vor Ort. Dadurch entstehen tragfähige Netzwerke, die Familien im Alltag unterstützen und das Zusammenleben im Quartier stärken.

Das neu gegründete „Netzwerk Familienzentrumsarbeit Niedersachsen“, das unter anderem auf Initiative der Heinz und Heide Dürr Stiftung ins Leben gerufen wurde, kann dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Es schafft eine Plattform für Austausch, gegenseitiges Lernen und gemeinsame Qualitätsentwicklung. Gute Erfahrungen und erfolgreiche Ansätze können sichtbarer gemacht und flächendeckend umgesetzt werden. Gleichzeitig gibt das Netzwerk den Familienzentren eine stärkere gemeinsame Stimme und trägt dazu bei, die Bedeutung dieser Arbeit für Kinder, Familien und Kommunen noch stärker ins Bewusstsein zu rücken.

HHD Stiftung: Wie beurteilen Sie den Early Excellence-Ansatz als pädagogisches Konzept für Familienzentren in Niedersachsen?

Marcus Luttmer: Aus meiner Sicht ist der Early Excellence-Ansatz ein wichtiger und sehr wertvoller Ansatz für die Weiterentwicklung von Familienzentren. Besonders überzeugend finde ich die konsequente Orientierung an den Stärken von Kindern, Familien und Fachkräften sowie die Öffnung in den Sozialraum. Dadurch ist es möglich, Bildung, Erziehung, Beratung und Unterstützung vor Ort eng zu verbinden.

Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es nicht darum gehen kann, ein Konzept eins zu eins zu übertragen. Familienzentren arbeiten immer in einem ganz konkreten Sozialraum, in dem sie unterschiedlichen Bedürfnissen, Herausforderungen und Ressourcen begegnen. Daher ist es wichtig, die Säule „Öffnung in den Sozialraum“ des Early Excellence-Ansatzes sehr individuell und entsprechend der Bedarfe und Gegebenheiten vor Ort anzupassen.

Ein Familienzentrum in einer Großstadt hat andere Anforderungen als eines im ländlichen Raum. Auch die Zusammensetzung der Familien, vorhandene Unterstützungsstrukturen oder sozialräumliche Herausforderungen unterscheiden sich erheblich. Entscheidend ist daher nicht die starre Umsetzung eines Modells, sondern die Frage, wie die Prinzipien des Early Excellence-Ansatzes vor Ort wirksam werden können.

Gerade darin sehe ich seine Stärke: Der Ansatz bietet eine klare fachliche Orientierung und lässt zugleich genügend Raum, um passgenaue Lösungen für die jeweiligen Familien und Sozialräume zu entwickeln. So kann jedes Familienzentrum sein eigenes Profil entwickeln und gleichzeitig von den Erfahrungen und Qualitätsstandards des Early Excellence-Ansatzes profitieren.

Die Werte, die der Early Excellence-Ansatz vertritt, entsprechen denen, die für die Arbeit von Familienzentren insgesamt zentral sind. Und auch im Qualitätsrahmen „Familienzentren Niedersachsen“ (2025, nifbe & LVG & AFS) ist der Early Excellence-Ansatz als ein möglicher Orientierungspunkt für die Entwicklung des pädagogischen Konzepts verankert.

Der Early Excellence-Ansatz ist ein pädagogischer Ansatz, der auch für die Familienzentrumsarbeit in Niedersachsen eine wichtige Grundlage bilden kann und dort in vielen Einrichtungen bereits seit Jahren erfolgreich umgesetzt wird. Dies ist nur durch die intensive Begleitung und Unterstützung der Heinz und Heide Dürr Stiftung in diesem Umfang möglich!

HHD Stiftung: Eine zentrale Aufgabe des nifbe ist der Transfer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Kita-Praxis. Welche Herausforderungen und Chancen sind damit aus Ihrer Sicht verbunden?

Marcus Luttmer: Der Transfer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis von Kitas ist eine unserer zentralen Aufgaben – und zugleich eine der spannendsten Herausforderungen. Denn aus meiner Sicht bedeutet Transfer nicht, dass die Wissenschaft Antworten entwickelt und die Praxis diese einfach übernimmt. So funktioniert frühkindliche Bildung nicht.

Am nifbe verstehen wir Transfer daher als einen wechselseitigen und dialogischen Prozess. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen für die Praxis verständlich, relevant und anschlussfähig aufbereitet werden. Genauso wichtig ist es, die Erfahrungen, Bedarfe und Herausforderungen der Fachkräfte wieder in die Wissenschaft zurückzuspiegeln. Genau dieser wechselseitige Austausch ist aus unserer Sicht der Schlüssel für eine nachhaltige Qualitätsentwicklung.

Die größte Herausforderung besteht jedoch darin, dass Wissenschaft und Praxis unterschiedlichen Logiken folgen. Die Wissenschaft arbeitet oft langfristig, differenziert und mit vielen Einschränkungen. Die Praxis braucht hingegen Orientierung für konkrete Situationen im Alltag. Deshalb reicht es nicht aus, Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Sie müssen gemeinsam reflektiert, auf den jeweiligen Kontext bezogen und in den Einrichtungen weiterentwickelt werden. Transfer gelingt nur auf Augenhöhe.

Genau darin liegt die große Chance. Wenn es gelingt, wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Erfahrungswissen der Praxis zu verbinden, eröffnen sich neue Perspektiven für die pädagogische Arbeit. Fachkräfte werden in ihrer Professionalität gestärkt, Einrichtungen können ihre Qualität weiterentwickeln – und letztlich profitieren Kinder und Familien davon.

Eine besondere Stärke des nifbe ist dabei seine dezentrale Struktur mit den regionalen Transferstellen und den vielfältigen Netzwerken im Land. Dadurch können wir nicht nur Wissen verbreiten, sondern auch echte Dialog- und Entwicklungsprozesse begleiten. Unsere Qualifizierungsinitiativen, die Prozessbegleitung sowie die enge Zusammenarbeit mit Fachberatung, Trägern, Aus- und Weiterbildung und Wissenschaft schaffen die notwendigen Räume, in denen Wissen gemeinsam übersetzt und in der Praxis verankert werden kann.

Kurz gesagt: Für mich ist Transfer kein Einbahnstraßenmodell, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Die Zukunft der frühkindlichen Bildung liegt darin, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen so miteinander zu verbinden, dass beide Seiten voneinander profitieren und sich gemeinsam weiterentwickeln können.

HHD Stiftung: In einem im April verabschiedeten Statement hat sich das nifbe klar für Demokratie, eine pluralistische Gesellschaft, die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Meinungsfreiheit positioniert. Wie kam es zu dieser öffentlichen Maßnahme und was soll daraus folgen?

Marcus Luttmer: Die im April 2026 verabschiedete Erklärung ist keine Reaktion auf einen einzelnen Anlass, sondern eine bewusste, generelle Positionierung. Zu den Grundlagen unserer Arbeit gehören Demokratie, Menschenwürde, Vielfalt, die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Meinungsfreiheit. Diese Werte sind im Leitbild des nifbe verankert und bilden zugleich die Basis für die Arbeit in Kitas.

Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung ist es uns wichtig, frühzeitig Haltung zu zeigen. Das bedeutet für uns einerseits, unterschiedliche Meinungen und den offenen Diskurs ausdrücklich zu begrüßen. Andererseits ziehen wir dort eine klare Grenze, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, ihres Geschlechts oder anderer Merkmale abgewertet, ausgegrenzt oder in ihrer Würde verletzt werden.

Was daraus folgen soll, ist keine einmalige Erklärung, sondern eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Demokratiebildung, Partizipation, Vielfalt und Kinderrechten in der frühkindlichen Bildung. Diese Themen gehören aus unserer Sicht nicht an den Rand, sondern in die Mitte pädagogischer Arbeit. Kinder erleben Demokratie nicht erst in der Schule, sondern von Anfang an: durch Beteiligung, Wertschätzung, Mitbestimmung und den respektvollen Umgang miteinander. Dies möchten wir gemeinsam mit den Fachkräften, Trägern und weiteren Akteuren im System weiter stärken.

Vielen Dank für das Gespräch.

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