Autorin: Dagmar Lenz (Regionalleitung Kitawerk Evangelisch-Lutherischer Kirchenkreis Schleswig-Flensburg)
Ich war zum ersten Mal dabei – beim 16. Walk & Talk der Early Excellence-Community. Und der Name sagt eigentlich schon ziemlich viel: Walk and Talk. Gehen, reden, Menschen treffen – und vielleicht irgendwo zwischen zwei Schritten eine neue Idee.
Aber bevor wir überhaupt loslaufen konnten, ging es erst einmal nach oben. Auf die Dachterrasse in Hannover. Musik an, Getränke in der Hand, und plötzlich stehen da Menschen aus ganz verschiedenen Ecken Deutschlands. Nord, Süd, Ost, West. Verschiedene Bundesländer, verschiedene Geschichten, verschiedene Lebenswege – und trotzdem ein Raum, ein Abend, ein gemeinsamer Anfang.
Ins Leben gerufen von Isa Baumgarten, Vorstandsvorsitzende der Heinz und Heide Dürr Stiftung.
Und dann passiert etwas, das auf Veranstaltungen manchmal am schwierigsten ist: Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Nicht dieses höfliche: „Und was machst du so?“ Sondern irgendwann dieses: „Ach was, echt jetzt? Das kenne ich. Bei uns ist das ganz anders. Warte, darüber müssen wir sprechen.“
Und dann die Brillen. Bunte Brillen. Rot, gelb, lila.
Auf einmal sieht Hannover nicht mehr aus wie Hannover. Die Welt verändert ihre Farbe.
Und vielleicht war genau das das Bild für diesen Abend. Denn jeder Mensch kommt mit seiner eigenen Brille. Mit seiner eigenen Sicht, seiner eigenen Geschichte, seinen eigenen Erfahrungen. Du siehst rot, ich sehe gelb, jemand anderes sieht lila. Und trotzdem stehen wir am selben Ort.
Vielleicht geht es bei Vernetzung genau darum: nicht darum, alle durch dieselbe Brille schauen zu lassen, sondern darum, die Brille des anderen für einen Moment auszuprobieren. Zu sagen: „Zeig mal. Wie siehst du die Welt?“
Und während die Musik läuft und die Gespräche länger, passiert etwas ganz Einfaches: Menschen werden zu Kontakten. Kontakte werden zu Gesprächen. Gespräche werden zu Ideen. Und Ideen? Vielleicht werden sie irgendwann zu etwas Größerem.
Tag eins beim Walk & Talk. Noch keinen Kilometer gelaufen – aber schon ziemlich weit gekommen. Von Mensch zu Mensch. Von Bundesland zu Bundesland. Von Brille zu Brille.
Und das war erst Tag eins.
Am nächsten Tag ging es dann tatsächlich los. Der Walk & Talk wurde seinem Namen gerecht: Wir gingen, wir redeten, wir begegneten uns. Und ziemlich schnell wurde deutlich, dass es hier nicht nur ums Walken und auch nicht nur ums Talken geht. Hier geht es um eine Haltung. Um Menschen, die sich für Early Excellence begeistern und die diese Haltung nicht einfach nur beschreiben, sondern miteinander leben.
Der Tag begann mit Grußworten der Stadträtin bzw. Dezernentin für Jugend, Familie und Sport Susanne Blasberg-Bense und ich merkte sofort: Sie steht hinter den Familienzentren und sieht deren Bedeutung. Auch die Heinz und Heide Dürr Stiftung wurde gewürdigt, die die Familienzentren nun schon seit 20 Jahren unterstützt. 20 Jahre Unterstützung für Orte, die für Familien verlässlich da sind, die begleiten, verbinden und Beziehungen schaffen.
Auch das NIFBE, vertreten durch Sandra Köper-Joksch, sprach Grußworte – mit großer Wertschätzung für das, was hier entstanden ist, und mit dem Bild eines starken Netzwerks. Und genau dieses Netzwerk war an diesem Tag überall zu spüren. Menschen, die sich gegenseitig inspirieren, Erfahrungen teilen, Fragen stellen und gemeinsam weiterdenken.
Es war eine beeindruckend gute Stimmung: offen, interessiert, wohlwollend und gleichzeitig voller Energie. Nicht dieses Gefühl von „Wer weiß es besser?“, sondern eher: „Was hast du erlebt? Was hast du entdeckt? Was können wir voneinander lernen?“
Ein Satz ist mir besonders hängen geblieben: Ein Familienzentrum fragt nicht: „Passt du hierher?“, sondern sagt: „Schön, dass du da bist.“
Und irgendwann dachte ich: Genau dieses Gefühl hatte ich als Teilnehmerin auch.
Ich musste nicht erst zeigen, was ich kann. Ich musste nicht wissen, was die anderen wissen. Ich war einfach willkommen.
Und vielleicht ist genau das Early Excellence: nicht zuerst auf Defizite zu schauen, sondern auf Möglichkeiten, Ressourcen und auf das, was da ist.
Das Organisationsteam der Landeshauptstadt (Julia Lohse, Sarah Hartmann, Corinna Köhler, Julia Pauluth und Claudia Possekel) hatte den gesamten Walk & Talk unglaublich gut vorbereitet. Alles wirkte durchdacht und gleichzeitig leicht.
Und vielleicht war gerade das bezeichnend für die Atmosphäre dieses Treffens: Es wurde nicht nur gearbeitet und diskutiert. Es wurde gemeinsam gegessen, erzählt und vor allem sehr viel gelacht.
Dann gab es internationale Grußrunden über Zoom. Plötzlich waren Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt miteinander verbunden, unter anderem Andreas Schenk aus Thailand. Und wieder wurde deutlich: Die Fragen, die uns beschäftigen, machen nicht an Landesgrenzen Halt.
Wie gestalten wir Orte, an denen Menschen sich willkommen fühlen? Wie begleiten wir Familien verlässlich? Wie entwickeln wir unsere Arbeit weiter?
In Kleingruppen haben wir uns mit Zukunftsfragen beschäftigt. Wir haben diskutiert, hinterfragt, weitergedacht und unsere Ideen anschließend im Plenum vorgestellt. Anschließend konnten die Teilnehmenden in Kleingruppen in verschiedenen Familienzentren mit den Fachkräften vor Ort ins Gespräch gehen.
Dabei ging es gar nicht darum, am Ende die eine richtige Antwort zu haben. Viel wichtiger war der gemeinsame Denkprozess. Eine Frage beginnt bei einer Person, wird von einer anderen weitergedacht, bekommt eine neue Perspektive und verändert sich dadurch. Aus vielen einzelnen Gedanken entsteht etwas Gemeinsames.
Und dann gab es auch die anderen Seiten dieses Treffens: am dritten Tag gemeinsam unterwegs sein, die Stadt erleben, Zeit miteinander verbringen. Eine Stadtrundfahrt im Doppeldeckerbus gehörte ebenso dazu wie der Besuch der Herrenhäuser Gärten.
Aus einem fachlichen Netzwerk wurde noch ein Stück mehr Gemeinschaft. Wir saßen zusammen im Bus, schauten aus dem Fenster, tauschten uns aus, entdeckten die Stadt.
Denn vielleicht braucht ein gutes Netzwerk auch genau diese Momente, in denen es nicht nur um Konzepte, Methoden oder Zukunftsfragen geht, sondern einfach darum, miteinander unterwegs zu sein.
Der Besuch der Herrenhäuser Gärten hatte dann noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre. Nach all den Gesprächen, Impulsen und Diskussionen tat es gut, gemeinsam durch diesen besonderen Ort zu gehen, Eindrücke aufzunehmen und vielleicht auch einfach einmal nichts festhalten zu müssen – außer den Moment.
Für mich war es der erste Walk & Talk. Und ich habe an diesen Tagen nicht nur viele interessante Menschen und Gedanken kennengelernt. Ich habe auch ein Stück von dem erlebt, was Early Excellence für mich ausmacht: Eine Haltung, die sagt: Wir schauen auf das, was da ist. Wir interessieren uns füreinander. Wir nehmen Menschen ernst. Wir suchen nicht zuerst nach dem, was fehlt, sondern nach dem, was möglich ist.
Und genau das, beginnt mit einem ganz einfachen Satz:
Schön, dass du da bist.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke eines Netzwerks: wir gehen hinein mit den eigenen Fragen und gehen heraus mit noch mehr Fragen – aber wir sind nicht mehr allein damit, sondern nehmen neben den neuen Gedanken noch etwas anderes mit: viele Begegnungen und gute Gespräche, ziemlich viel Gelächter und die Erinnerung an drei Tage, an denen sich Fachlichkeit und Leichtigkeit wunderbar verbunden haben.





