(v. l. n. r.): Dr. Monika Sklorz-Weiner, Isa Baumgarten, Dr. Katharina Grunwald, Kerstin Schmidt, Melanie Krause und Debby Dostal
9. Juni 2026 Stiftung Bildung

Podiumsdiskussion: Psychologie im Kindergarten

Psychologinnen und Psychologen können dazu beitragen, dass Einrichtungen noch stärker Orte des Empowerments werden — also Orte, an denen Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen erleben: Ich werde gesehen, ich kann etwas, meine Perspektive zählt.

Isa Baumgarten

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP) wurde am 5. Juni 1946 in Hamburg gegründet. Genau 80 Jahre später wurde dieses Jubiläum vom 5. bis 7. Juni im Haus der Psychologie in Berlin im Rahmen einer Tagung gefeiert. Isa Baumgarten, die Vorstandsvorsitzende der Heinz und Heide Dürr Stiftung, war zur Podiumsdiskussion „Psychologie im Kindergarten” geladen, um über den Early Excellence-Ansatz zu sprechen.

Neben Isa Baumgarten nahmen Dr. Monika Sklorz-Weiner (BDP), Dr. Katharina Grunwald (Programmleitung Karg-Stiftung), Kerstin Schmidt (Leiterin des CJD Familienzentrums für inklusive Begabungsförderung Hannover), Melanie Krause (Vorsitzende Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen) und Debby Dostal (Ergotherapeutin) am Podiumsgespräch teil. Anlass des Gesprächs waren aktuelle Kinder- und Jugendstudien, die auf eine psychisch belastete Jugend in Deutschland hinweisen. Im Zentrum der Diskussion stand insbesondere die Frage, welche Rolle Psycholog*innen bei der Tatsache spielen können, dass die Probleme häufig erst in der Schule sichtbar werden, während deren Entstehung bereits im früheren Kindesalter vermutet werden kann. Konkret wurde auch die Frage aufgeworfen, ob ein Einsatz von Psycholog*innen bereits in Kindergärten sinnvoll sein kann, wie man es sonst nur aus schulischen Kontexten kennt.

Dabei wurde Isa Baumgarten gefragt, welchen konkreten Beitrag Psycholog*innen in Early Excellence-Einrichtungen leisten könnten, um die Ziele des Ansatzes – Minimierung von Chancenungleichheiten unter Kindern, Stärkung im Sinne von Empowerment durch Eltern sowie Öffnung in den Sozialraum – in die Arbeit zu integrieren und die Wertschätzung aller Beteiligten zu fördern.

Isa Baumgarten führte aus, dass Psycholog*innen eine sinnvolle Ergänzung multiprofessioneller Teams sein können. Das gilt insbesondere, wenn es darum geht, Familien im Sozialraum zu befähigen, ihnen etwas zuzutrauen, sie abzuholen und mitzunehmen. Dazu bietet sich der Early Excellence-Ansatz an, da dieser Menschen nicht defizitär betrachtet, sondern ihre Potenziale in den Mittelpunkt stellt. Gemäß Jean Piaget eignen sich Kinder ihr Wissen und ihr Verständnis über die Welt aktiv durch eigene Erfahrungen und Handlungen an. Sie probieren aus, beobachten und gehen vor allem soziale Bindungen ein. Kinder sind von Natur aus neugierig und entdecken die Welt. Genau daran knüpft Early Excellence an. Kinder werden als kompetente Akteure ihrer eigenen Entwicklung ernst genommen. Es werden die Potenziale von Kindern und deren Förderbedarf unabhängig von ihrer Herkunft betrachtet. Da Entwicklung nicht isoliert stattfindet, ist es besonders wichtig, die Familien und das soziale Umfeld miteinzubeziehen und damit auch die Familien zu stärken.

Die Familien der Kinder werden bei Early Excellence als kompetente Akteur*innen wahrgenommen. Sie werden aktiv in die Entwicklungsprozesse ihrer Kinder einbezogen und können sich beispielsweise in Familienzentren einbringen und vernetzen. Das stärkt die Selbstwirksamkeit, Teilhabe und Partizipation und fördert die Hilfe zur Selbsthilfe. Die Kinder profitieren von dieser Einbeziehung. Sie entwickeln Lernfreude vor allem in verlässlichen Beziehungen, wenn sie sich wohlfühlen. Dazu trägt auch die Wertschätzung und aktive Beteiligung ihrer Eltern bei.

Psycholog*innen können in frühkindlichen Einrichtungen eine wichtige Brückenfunktion zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und pädagogischem Alltag übernehmen. Sie könnten Teams dabei unterstützen, kindliche Entwicklungsprozesse noch genauer zu beobachten und einzuordnen. Was beschäftigt ein Kind gerade? Welche Lernstrategien entwickelt es? Welche Bedürfnisse hat das Kind und wie können diese den Eltern vermittelt werden?

Bei der Zusammenarbeit mit Familien, die eine wichtige Säule im Early Excellence-Ansatz darstellt, können Psycholog*innen ebenfalls eine wichtige Rolle übernehmen. Sie verfügen über umfassendes Wissen darüber, wie Vertrauen entsteht, wie Gespräche auch in belastenden Situationen gelingen können und wie Eltern in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt werden können, ohne sich bewertet zu fühlen. All dies passt sehr gut zur wertschätzenden Haltung von Early Excellence.

Darüber hinaus könnten sie Fachkräfte im Umgang mit Belastungen unterstützen, beispielsweise wenn Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, traumatische Erfahrungen gemacht haben oder Familien unter großem Druck stehen. Eine frühzeitige, sensible Begleitung kann hier präventiv sehr viel bewirken.
Nicht zuletzt können Psycholog*innen dazu beitragen, dass Einrichtungen noch stärker zu Orten des Empowerments werden, an denen Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen erleben: Ich werde gesehen, ich kann etwas, meine Perspektive zählt.

Gerade darin liegt auch die große Stärke des Early Excellence-Ansatzes nach 25 Jahren in Deutschland: Er verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer zutiefst humanistischen Haltung, nämlich dem Vertrauen in die Fähigkeiten jedes Kindes und jedes Menschen. Denn jeder Mensch sollte die gleichen Chancen haben, seine Potenziale zu entfalten.

Bereits Ende letzten Jahres gab es Berührungspunkte zwischen dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. und der Heinz und Heide Dürr Stiftung. Ende November 2025 hat der BDP eine Resolution zum Thema „Stärkung der frühkindlichen Entwicklung und Bildung: Psychologische Perspektiven für gerechte Entwicklungs- und Bildungschancen für Kinder und ihre Familien” verabschiedet. In der Resolution vom 23.11.2025 wurde herausgestellt, dass die Heinz und Heide Dürr Stiftung Familienzentren fördert, sie bundesweit systematisch etabliert und unterstützt. Zusammengefasst wird, dass die Grundlagen des Early Excellence-Ansatzes, die teilweise aus der Entwicklungspsychologie nach Piaget abgeleitet sind, eine Einbeziehung von Psycholog*innen durch Diagnostik sowie durch Beratung der Fach- und Führungskräfte und der Eltern ermöglichen. Dies könnte einen wichtigen Beitrag zur Entwicklungsförderung der Kinder im vorschulischen Bereich in den Familienzentren leisten. Bislang fehle weitgehend eine Psychologische Expertise in den Institutionen der frühkindlichen Förderung.

Ähnliche Beiträge

  • Early Excellence unterstützt eine gelingende...