Der Intendant des Berliner Ensemble (BE), Oliver Reese, hat in 2017 ein AUTOREN-Programm nach englischem Vorbild aufgelegt. Wieso, weshalb und warum er das gemacht hat und ob man als Intendant "ohne prüfenden Blick" ins Theater gehen kann, waren Fragen, die wir uns gewünscht haben, in aller Würze und Kürze beantwortet zu bekommen. Et voilá...

1. Was ist das Besondere am Autorenprogramm des BE im Vergleich zu anderen ähnlichen Formaten?

Oliver Reese: "Letztlich geht es bei der Frage nach neuer Dramatik doch auch darum: wie glauben wir, mit den Mitteln des Theaters unsere immer komplexer werdende Welt erzählen zu können? Wo es um uns herum vor Widersprüchen und Konflikten nur so strotzt, bedarf es einer adäquaten und direkten Form zwischenmenschlicher Auseinandersetzung. Kurz, des Dramas. Wir schaffen am Berliner Ensemble einen Raum, in dem Dramatiker oder auch Autor-Regisseure ihre Stoffe in enger Zusammenarbeit mit der Dramaturgie und dem Ensemble entwickeln können.  Dabei geht es nicht in erster Linie darum, junge Talente zu fördern, denn das passiert bereits vielerorts. Wir versuchen vielmehr, Künstler, die bereits ihre Sprache und ihre Sicht auf die Welt gefunden, aber bisher noch nicht das Theater für sich entdeckt haben, für eine Zusammenarbeit zu begeistern – oder mit Regie-Autoren, die eher aus der Improvisation arbeiten, durch intensive gemeinsame Vorrecherchen neue inhaltliche Möglichkeiten zu erhalten. Wir arbeiten intensiv zusammen und warten nicht darauf, dass begabte Autoren von selbst und allein ihre Stücke fertigstellen."

2. Wie kann man sich einen Workshop vorstellen, in dem ein Stück entsteht und auf „Spielbarkeit“ geprüft wird?

Oliver Reese: "Es bedarf viel Erfahrung, viel Redens, Beratens und Verzweifelns, bevor ein neues Drama zur Uraufführung gelangt. In Workshops lesen wir schon früh mit den Autoren, Schauspielern und dem Dramaturgie-Team erste Entwürfe. Beim szenischen Lesen merkt das Ensemble schnell, wo Motivationen fehlen oder Konflikte schärfer werden müssen. Wenn die Texte dann testweise zum Leben erweckt werden, erleben auch die Autoren vor Ort, was funktioniert und was noch nicht. Mit den erfahrenen Dramaturgen können gegebenenfalls gleich Lösungswege diskutiert werden. Das erlaubt es, dem Drama nicht nur das Handwerk, sondern auch den nötigen Lebensgeist einzuhauchen, der es auf der Bühne bestehen lässt."

3. Können Sie noch ganz privat und ohne den Intendantenblick ins Theater gehen? Oder nehmen Sie lieber andere kulturelle Angebote wahr? 

Oliver Reese: "Ich gehe sehr gern und so oft ich kann in Konzerte, die sind ja ganz abstrakt. Und ich liebe auch das Kino – besonders, wenn ich vorher keine Kritiken gelesen habe und gar nicht weiß, was mich erwartet. Aber ich gehe nach wie vor und hoffnungsfroh vor allem immer wieder ins Theater, oft auch verbunden mit langen Reisen. Es ist schrecklich, nach zehn Minuten in der Vorstellung zu wissen, dass die Reise eigentlich umsonst gewesen ist und der Abend ohne Entdeckung bleiben wird. Aber ab und an entfaltet das Theater die volle Kraft seiner Möglichkeiten - und ich sitze immer noch, wie schon als Schüler im Provinztheater meiner Heimatstadt, wie verzaubert da."

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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