In bestimmten Regionen Deutschlands finden sich Kitas in einer völlig ungewohnten Situation: Sie suchen Kinder – und nicht mehr umgekehrt! Stellenweise müssen Einrichtungen sogar schließen, weil die regionale Geburtenrate so niedrig ist.
Prof. Dr. C. Katharina Spieß

Kitas für die ganze Familie
Jahrzehntelang waren Familien auf der Suche nach einem Kitaplatz. In Großstädten wurde die Suche teilweise sogar schon während der Schwangerschaft gestartet. Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden, wie Prof. Dr. C. Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, in ihrem Gastbeitrag in der ZEIT beschreibt.
Prof. Dr. C. Katharina Spieß beschäftigt sich aktuell mit der Frage, was man mit dieser „demografischen Rendite”, die durch den Geburtenrückgang entsteht, konkret umsetzen könnte. Eine zentrale Idee dabei ist, die Aufgabe von Kitas um Unterstützung, Begleitung und Beratung für die gesamte Familie zu erweitern. Dieser Vorschlag stützt sich auf empirische Studien, die belegen, dass eine gemeinsame Förderung von Bezugspersonen und Kindern durch pädagogische Fachkräfte Bildungsungleichheiten von Anfang an reduzieren kann.
Bereits 2019 hat das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) unter der Leitung von Prof. Dr. C. Katharina Spieß zusammen mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung die Publikation „Familien im Zentrum” veröffentlicht. Hier wurden unterschiedliche Perspektiven auf neue Ansatzpunkte der Kinder-, Eltern- und Familienförderung eröffnet. Da Familien nach wie vor der erste und zentrale Bildungsort für Kinder sind, ist es wichtig, sie in Abhängigkeit ihrer Bedarfe in ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit zu unterstützen. Die Studie wurde im Rahmen einer Veranstaltung der Heinz und Heide Dürr Stiftung in Anwesenheit der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey der Öffentlichkeit vorgestellt.
Damals wie heute sollen durch diese Diskussion über die Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Zentren für Familien wichtige Impulse für die Gestaltung der frühkindlichen Bildung gegeben werden. Dabei spielt insbesondere die Einbeziehung der Eltern- und Familienbildung eine wichtige Rolle.
Die Heinz und Heide Dürr Stiftung hatte im Jahr 2000 begonnen, den aus England stammenden Early Excellence-Ansatz in Deutschland zu implementieren und damit eines der ersten Programme der Familienförderung mit dem System Kita angestoßen. Mittlerweile gibt es bundesweit über 1.000 Einrichtungen, die nach diesem Ansatz unter der Koordination der Heinz und Heide Dürr Stiftung und ihrem Team arbeiten.
Prof. Dr. C. Katharina Spieß schlägt in ihrem aktuellen Beitrag in Anlehnung an den Rückgang der Geburtenrate ganz konkret vor, die freien Kapizitäten dafür zu nutzen, genau diese familienstärkenden Maßnahmen auszudehnen. Wie etwa Kita-Angebote mit Sprachkursen für Eltern oder Integrationskursen für Familien mit Zuwanderungsgeschichte zu verbinden. Auch Erziehungsberatung oder Hilfen beim (oft komplizierten) Beantragen finanzieller Familienhilfen wären denkbar. Ebenso zeichnet die Gastautorin in der ZEIT das Bild der Integration älterer Menschen in das soziale Engagement der Kitas und Familienzentren. So würde der Geburtenrückgang mit der steigenden Anzahl älterer Menschen eine für Familien gewinnbringende Kooperation eingehen.
So oder so müsste sich die Kita dafür neu aufstellen. Dazu sei es nötig, pädagogische Fachkräfte in der Elternarbeit stärker fortzubilden. Ein wichtiger Baustein in der Verbreitung des Early Excellence-Ansatzes in Deutschland ist deshalb von Beginn an die Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte, die die Heinz und Heide Dürr Stiftung bundesweit koordiniert. Die Themenschwerpunkte dieser Fortbildungen werden dabei stets bedarfsgerecht angepasst und spezifiziert.
Das Portal Early Excellence-Connect gibt sowohl einen Einblick in den pädagogischen Ansatz und seine Spezifika als auch einen Überblick über Kooperationspartner*innen in Deutschland wie Termine zu Weiter- und Fortbildungen.
Heinz und Heide Dürr Stiftung & DIW Berlin: „Familien im Zentrum”, kostenfreie Broschüre (PDF), 74 Seiten, 1. Auflage 2019