6. Oktober 2026 Kultur

Premiere: InsideBundestag

Ich glaube, wenn wir uns anschauen wie im Bundestag gesprochen wird, dann schauen wir uns an wie in der Gesellschaft gesprochen wird.

Lukas David Schmidt im rbbKultur-Beitrag „Inside Bundestag im Ballhaus Prinzenallee“

Wie viel Zeit braucht Theater? Monate, manchmal Jahre. Autor*innen entwickeln Stoffe, schreiben Texte, überarbeiten, proben. Bei InsideBundestag ist das anders. Hier muss es schnell gehen: Was in einer Sitzungswoche im Deutschen Bundestag verhandelt wird, kann schon wenige Tage später zum Material für einen Theaterabend werden. Das ist nicht nur ein ungewöhnliches Produktionsprinzip. Es ist ein bewusstes Wagnis.

Mit InsideBundestag bringt das Ballhaus Prinzenallee politische Gegenwart unmittelbar auf die Bühne. Die Reihe von Autor und Regisseur Lukas David Schmidt nimmt die Sprache und Themen des Parlaments zum Ausgangspunkt und macht daraus Theater. Keine Nacherzählung der politischen Ereignisse, sondern eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem, was dort gesagt, verhandelt und inszeniert wird.

Die Heinz und Heide Dürr Stiftung unterstützt die Reihe, weil genau in solchen Vorhaben die Kraft von Theater liegen kann: neue Autor*innen und neue Formen zu ermöglichen, Risiken zuzulassen und Stücke auf die Bühne zu bringen, die sich etwas trauen.

Politik ist voller Sprache. Es wird argumentiert, angegriffen, verteidigt, unterbrochen und abgestimmt. Vieles davon klingt vertraut, weil politische Debatten inzwischen beinahe rund um die Uhr über Medien und soziale Netzwerke zu uns gelangen. InsideBundestag verändert den Blick darauf.

Lukas David Schmidt nimmt das aktuelle Material aus dem Parlament und überführt es in einen theatralen Zusammenhang. Plötzlich steht nicht mehr nur die politische Position im Mittelpunkt, sondern auch die Sprache dahinter: ihre Muster, ihre Widersprüche, ihre Rituale. Was passiert, wenn diese Sprache von Schauspieler*innen gesprochen wird? Wie verändert sich ihre Wirkung, wenn sie nicht mehr aus einem Plenarsaal, sondern von einer Bühne kommt? Und was erzählt die Art, wie Politik miteinander spricht, über die Gesellschaft, in der diese Politik stattfindet?

Am 18. September 2026 wurde die erste von sechs Folgen im Ballhaus Prinzenallee uraufgeführt. Auf der Bühne standen Susana AbdulMajid, Vidina Popov, Laura Laufenberg und Lisa Birke Balzer. Regie führte Lukas David Schmidt, die Dramaturgie übernahm Mia Massmann.

Die Premiere machte schnell deutlich, was das Besondere an diesem Format ist: Hier geht es nicht um einen Stoff, der mit großem zeitlichem Abstand zur politischen Wirklichkeit betrachtet wird. Das Material ist frisch. Die Debatten, aus denen der Abend entstanden ist, sind noch präsent. Das verleiht dem Theaterabend eine besondere Spannung.

Die ausgebuchte Premiere zeigte, dass das Publikum bereit ist, sich auf ein solches Experiment einzulassen. Auf einen Theaterabend, dessen Ausgangsmaterial aus der politischen Realität stammt und der gerade deshalb nicht vollständig planbar ist.

Das Ballhaus Prinzenallee im Berliner Wedding ist dafür ein passender Ort. Das Haus steht für ein Theater, das unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt und Raum für neue Formen und gesellschaftliche Fragen schafft. InsideBundestag nutzt diesen Raum nicht, um Politik abzubilden, sondern um sie mit den Mitteln der Kunst zu befragen.

Das kann Theater besonders gut: Es schafft Abstand und Nähe zugleich. Es ermöglicht, eine vertraute Realität aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und es bringt Menschen in einem Raum zusammen, um gemeinsam über etwas nachzudenken, das sie alle betrifft.

Gerade bei einem politischen Thema ist das wertvoll. Denn Theater ist kein Parlament und will es auch nicht sein. Es muss keine Mehrheiten organisieren und keine Entscheidungen treffen. Es kann etwas anderes: Widersprüche aushalten, Ambivalenzen sichtbar machen und Fragen offenlassen.

Dass solche Projekte entstehen können, ist nicht selbstverständlich. Für Autor*innen bedeutet ein ungewöhnliches Format wie InsideBundestag, sich auf eine Arbeitsweise einzulassen, bei der vieles offenbleibt. Für ein Theater bedeutet es, Produktionsabläufe anders zu denken. Und für das Publikum bedeutet es, sich auf einen Abend einzulassen, dessen Material unmittelbar aus der Gegenwart kommt.