Heide Dürr hat 1999 zusammen mit ihrem Mann Heinz Dürr die Heinz und Heide Dürr Stiftung ins Leben gerufen. Von Anfang an waren drei Förderzwecke festgelegt, die mit Bildung, Kultur und Forschung Impulse für die Gesellschaft geben sollten. Dass sie das auch heute mehr denn je tun, dafür sorgt Heide Dürr als Vorstand der Stiftung u.a.immer noch selbst. 

Im Ausblick auf das anstehende Jubiläumsjahr beantwortet Heide Dürr drei Fragen, die gleichsam Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einschließen.

1. Hatten Sie bei der Idee der Stiftungsgründung schon einen bestimmten Förderbereich im Kopf? Und wenn ja, welchen und warum?

Heide Dürr: Ja, das hatte ich. Ich wollte unbedingt das Thema frühkindliche „Erziehung“ angehen. Alleine schon das Wort zeigte mir den Bedarf: erziehen, verziehen, umziehen. Ich weiß durch meine Beschäftigung mit Psychologie und durch meine eigene Geschichte als Mutter von 3 Kindern, dass die ersten 5 Lebensjahre uns prägen. Deshalb war der Bereich der frühkindlichen Bildung für mich bei der Stiftungsgründung ein Anliegen, das durch Annette Lepenies, die im Kuratorium unserer Stiftung sitzt, eine Form bekam, indem sie mir von dem Early Excellence-Ansatz erzählte.

Dieser Ansatz unterstützt von Anfang an meine Meinung, dass besonders auch Eltern an die Hand genommen werden müssen. Auch wenn das vielleicht am schwierigsten ist. Wir haben keinen Staat, der bestimmt, dass Eltern lernen müssen, wie man mit Kindern umgeht - aber ohne die Eltern einzubeziehen geht es nunmal nicht. Man kann Eltern nicht in eine Schule schicken und sagen: Kümmere dich mal drum, wie man Kinder erzieht! Aber man kann Eltern von guten Ideen überzeugen und sie einladen, sich selbst auch noch ein Stück mit ihren Kindern zu entwickeln. Es kann schon Wunder wirken, wenn Eltern mit dem positiven Blick hören: Sie haben so ein tolles Kind!
Und da setzt Early Excellence bei den Pädagog*innen an: der Ansatz zeigt Ihnen, dass Eltern angesprochen und motiviert werden müssen. Und dass die Aufgabe des Fachpersonals nicht beim Kind endet. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt.

2. Sie haben mal gesagt, dass eine Gesellschaft auf Dauer nur funktionieren kann, wenn sich ihre Mitglieder für sie engagieren. Hätten Sie einen Tipp, wie man sich konkret, auch im Kleinen, engagieren kann?

Heide Dürr: Engagement setzt da an, wo man miteinander spricht. Dass man Menschen zuhört und ihnen da wo sie nicht weiter kommen, weiterhilft. Dass man sich traut, Ängste auszusprechen und anzuhören und ihnen dadurch die destruktive Kraft nimmt. Deshalb, und das betrifft Frage 1 erneut, habe ich die frühkindliche Bildung so sehr im Blick: früh beginnen, soziale Kompetenzen zu erlernen und Empathie auszubauen. Damit sich Angst und Scham gar nicht erst ins Unterbewusstsein setzen.
Für alle zwischenmenschlichen Begegnungen finde ich eins wichtig: Zuhören! Denn das ist ein wichtiger Bestandteil des Gesprächs. Sich dafür zu interessieren wie der andere wohl funktioniert und wenn man es nicht gleich erkennt, nachfragen und sich die Zeit nehmen, das herauszufinden.
Das wären mein Tipps für gesellschaftliches Engagement: sich interessieren, mitfühlen und zuhören. Und dann kann man vielleicht sogar gemeinsame Wege finden. Allein wenn im Gespräch neue Sichtweisen auftauchen, ist das schon ganz schön viel.

3. Gibt es einen Bereich, ob gesellschaftlich, kulturell, politisch, den Sie zukünftig in der Stiftung mehr, anders oder neu berücksichtigen möchten?

Heide Dürr: Unser Forschungsbereich z.B. ist ein Bereich, der anders und stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft gebracht werden könnte. In unserer Gesellschaft ist es nur wenigen bekannt, was gerade in Bezug auf genetisch bedingte Erkrankungen geforscht wird. Und was man nicht kennt, macht Angst. Deshalb sollten Forschungsbereiche und -ergebnisse auch für diejenigen, die nicht Experten sind, verständlich gemacht werden. Außerdem sollte mehr und breiter darüber diskutiert werden, wie wir mit den Ergebnissen umgehen sollen.
Darüber aufzuklären, würde uns vielleicht auch das Thema Angst ein Stück besser in den Griff bekommen lassen. Wenn das ominöse Thema der Forschung und ihre Ergebnisse mehr publik wären. Die Wege dahin sind mir noch unklar. Aber wichtig ist es, diese Themen ins Gespräch zu bringen. Denn das, worüber man redet, trägt sich weiter ins gesellschaftliche Bewusstsein. Wo wir wieder beim Reden und Zuhören und Einbeziehen wären ...

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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