Interview mit Heide Dürr, 23.10.2007

"Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als über Dunkelheit zu klagen"

Red.: Frau Dürr, was hat Ihren Mann und Sie bewegt, die Heinz und Heide Stiftung zu gründen?

HEIDE DÜRR: Mein Mann und ich haben eine Stiftung ins Leben gerufen, weil wir der Überzeugung sind, dass die, die einen gewissen Wohlstand erreicht haben, der Gesellschaft etwas zurückgeben sollten. Dabei lagen uns die drei Stiftungszwecke am Herzen. Vor allen Dingen ich persönlich habe sehr für den Schwerpunkt Kinder votiert und dass wir die frühkindliche Bildung in Deutschland stärker thematisieren. Und dafür haben wir den Early Excellence Ansatz zunächst nach Berlin und dann nach Deutschland geholt.

In Deutschland spricht man von frühkindlicher Erziehung, ein Wort, mit dem ich nicht so gut zurechtkomme: Rumziehen, -zerren. Bei den Engländern heißen ErzieherInnen ja family worker, Familienarbeiter und das finde ich passender.

Ich bin der Meinung - das ist auch die Meinung der Psychologen und Sozialpädagogen -, dass die ersten zehn Jahre prägend bei einem Menschen sind. Daher sind wir in die Vorschule, in den Kindergarten eingestiegen mit einem Projekt, das vor allen Dingen die Eltern mit einbezieht. Denn Eltern können im Austausch mit den Erzieherinnen etwas über ihre Kinder lernen. Wir sollten generell bereits in der Schule lernen, wie man miteinander umgeht. Und wo lernen wir, wie wir mit Kindern umgehen? Wir machen es so, wie die Eltern es mit uns gemacht haben. Das läuft sehr über das Unterbewusstsein, egal, ob es richtig oder falsch ist.

Red.: Ist es Ihnen wichtig, dass sich die Stiftung bundesweit engagiert?

HEIDE DÜRR: Mit dem Geld, das wir zur Verfügung stellen, wollten wir erst einmal Impulse geben. Denn, wie ein chinesisches Sprichwort sagt: Es ist besser ein kleines Licht anzuzünden, als über Dunkelheit zu klagen. Wir haben mit einem Modellprojekt in Berlin angefangen und freuen uns jetzt natürlich, dass es bundesweit auf große Resonanz gestoßen ist und mittlerweile auch in anderen Bundesländern umgesetzt wird. Das Projekt ist ja schon vom Grundsatz her international. Denn Early Excellence kommt aus der englischen Arbeiterstadt Corby. Dort wurde der Ansatz durch Margy Whalley begründet. Mittlerweile gibt es über 200 Early Excellence Centre in England.

Die Deutschen haben ein Problem mit dem Begriff Excellence, der mit elitär gleichgesetzt wird. Uns geht es aber nicht um elitäre Förderung, sondern um jedes Kind, um gerechte Umgangsformen. Wir können uns nicht aussuchen, in welches Umfeld wir geboren werden und wir werden nicht gefragt, ob wir überhaupt auf die Welt kommen wollen. Sonst würden ja vielleicht ein paar absagen und sagen: „Nein, in diese Welt und zu diesen Eltern will ich nicht!“

Red.: Ihr Mann ist als Freund und Mäzen des Theaters bekannt. Warum stehen Sie hinter der Förderung des deutschsprachigen Theaters?

HEIDE DÜRR: Mein Mann und ich sind, so lange wie wir uns kennen, immer sehr viel ins Theater gegangen. Wir interessieren uns beide für die Literatur, das Theater, die Kunst im Allgemeinen. Das ist ein gemeinsames Thema in unserer langjährigen Beziehung. Meine ganze Erziehung war sehr geprägt von Theater und Musik, das ganze Leben ist ein Theater: Lebenstheater ist doch auch ein schönes Thema.

Das Theater ist für die Gesellschaft wichtig. Die Menschen interessieren sich für das Theater, weil sie sich mit den Geschichten auf der Bühne identifizieren können. Und dann ist es wichtig zu lernen, wie man mit der deutschen Sprache umgeht. Für mich ist Theater spannend.

Red.: Die Stiftung hat noch einen dritten Zweck: die Forschung im Bereich Humangenetik und Molekularbiologie. 

HEIDE DÜRR: Die Erforschung der Gene ist natürlich auch ein sehr wichtiges Thema in unserer Gesellschaft. Wenn man bedenkt, welche Auswirkungen genetische Veränderungen auf unser Leben haben, wie sich die genetische Forschung entwickelt hat und weiter entwickeln wird. Fakt ist, dass unsere Gesellschaft älter wird. Ein Ziel könnte sein, besser alt zu werden, ohne Demenz und auch Alzheimer sowie den Verfall des Körpers. Durch Genveränderungen kann das Altern dieser Gesellschaft lebenswerter gemacht werden.

Red.: Auf welchem konkreten Gebiet engagiert sich die Stiftung hier?

HEIDE DÜRR: Auf gerade diesem Gebiet der Erforschung von genetischen Ursachen von Krankheiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Red.: Schwingt da nicht aber auch gerade im Hinblick auf die deutsche Geschichte die Gefahr der Genmanipulationen mit? Wie verhindere ich, dass Kriminelle die Möglichkeit von Manipulationen nutzen, um Monster heranzuzüchten?

HEIDE DÜRR: Ein „normal“ Krimineller kann das nicht, nicht einmal ein ausgebildeter Mediziner, der kriminell würde. Aber ich sehe gar nicht diese negative Seite zuerst. Ich glaube, wir Deutschen sollten nicht verhindern, dass mit Stammzellen geforscht wird. Nicht umsonst gehen viele unserer Wissenschaftler und Forscher nach Amerika, weil sie dort mehr Möglichkeiten haben.

Die Stiftung gibt Gelder, damit auch in unseren Breitengraden weitergeforscht werden kann. So lange wir als Menschen existieren, ist Missbrauch nie ausgeschlossen. Wenn wir aber nur an Missbrauch denken, dann sind wir nicht mehr kreativ. Natürlich muss man immer ein waches Auge haben. Aber wenn von vorneherein verhindert wird, dass überhaupt geforscht wird, gibt es keinen Fortschritt im positiven Sinne. Im Übrigen kann auch das Theater Missbrauch öffentlich machen und auf Missstände hinweisen.

Red.: Dann stehen für Sie die Stiftungszwecke in engem Zusammenhang? 

HEIDE DÜRR: Ja, so ist es. Es geht uns um die Gesellschaft, auch wenn wir nur in einen kleinen Teil eingestiegen sind. Wir können nur ein kleines Licht anzünden, und für mich ist es wichtig, positiv zu denken. Ich bin ein positiver Mensch und sehe viele Dinge aus dieser Perspektive. Da wird man sicher manchmal enttäuscht, aber mein positives Denken möchte ich gerne behalten.

Red.: Sie sind Mutter dreier Töchter. Stehen ihre Töchter hinter den Stiftungszwecken und der Stiftungsidee?

HEIDE DÜRR: Ja, meine Kinder stehen voll dahinter. Ich kenne meine Kinder, ihre Einstellung. Sie leben unsere Einstellung zum großen Teil, die eine als Ärztin, die andere als Journalistin und die Älteste als Künstlerin. Sie sind theaterbegeistert, haben Kinder und sind auch sehr positive Menschen. Ich bin überzeugt, dass meine Töchter, wenn wir mal nicht mehr sind und so lange Geld vorhanden ist, die Stiftung weiterführen werden. Mit Geld steht und fällt eine Stiftung nun einmal. Natürlich haben wir vor der Gründung der Stiftung mit unseren Töchtern auch über die Stiftungszwecke diskutiert.

Red.: Das Kinderprojekt liegt Ihnen persönlich sehr am Herzen. Ist es so, weil Sie Mutter sind? 

HEIDE DÜRR: Ja, ich habe das Schulsystem gesehen und festgestellt, dass die Bildung von Eltern und die Ausbildung der Lehrer wichtig ist. Und wenn die Lehrer keine gute psychologische Ausbildung haben, sind sie eben keine guten Lehrer und können Kinder nicht motivieren. Ich habe in Schulprojekten mitgewirkt, auch weil ich sehen wollte, was das denn für Lehrer sind, die unsere Kinder unterrichten. Mich hat das Thema „Kinder in unserer Gesellschaft“ immer sehr interessiert. Sicher angestoßen durch meine eigenen Kinder und meine Kindheit wurden mir die Augen geöffnet, was eigentlich los ist und dass nicht alles optimal läuft.

Red.: Waren Ihre Kinder im Kindergarten?

HEIDE DÜRR: Ja, eine war sogar im Walldorf-Kindergarten, im anthroposophischen Kindergarten. Ob dort besser mit den Kindern umgegangen wird, wage ich zu bezweifeln, aber zumindest wurde dort mehr über das Kind nachgedacht. Ich glaube einfach, dass besonders in der frühkindlichen Bildung ein großer Nachholbedarf in unserer Gesellschaft besteht. Ich bin der Meinung, dass unsere Kinder nicht unser Eigentum sind. Für alles musst du eine Ausbildung haben. Nur Kinder erziehen, das kannst du so machen, wie du es gerade willst. Und das ist nicht richtig. Ich meine auch, dass die Pädagogen und Vorschullehrer besser ausgebildet werden sollten. Und wir sollten schon als Kinder lernen, wie man miteinander umgeht. Warum führen wir in den Schulen nicht ein Unterrichtsfach ein: eine Stunde in der Woche zwischenmenschliche Kommunikation, anstatt Stricken, Häkeln oder was auch immer. Da sind eigentlich die Politiker gefragt. Aber die wollen wieder gewählt werden, und das ist eben ein unbequemes Thema.

Red.: Mit dem Fokus auf frühkindliche Bildung sind Sie Ihrer Zeit ja etwas voraus gewesen. Denn erst seit kurzem haben wir in Deutschland nun endlich die überfällige Diskussion, dass wir den Staat nicht in erster Linie als Reparaturbetrieb für Leute in schwierigen Situationen betrachten, sondern dass wir eigentlich Voraussetzungen schaffen müssen, damit Menschen erst gar nicht in diese Schwierigkeiten kommen. Das heißt, dass gute Bildung und Ausbildung vermittelt werden muss, und dass die Förderung von Kindern in den ersten Lebensjahren entscheidend ist.

HEIDE DÜRR: Das meine ich mit fehlender Bewusstseinsentwicklung. Ich weiß nicht, warum unsere Gesellschaft oder unsere Politiker es nicht oder so spät bemerkt haben, dass die ersten Jahre im Leben eines Menschen prägend sind. Unser Gehirn ist in den ersten zehn Jahren am aufnahmefähigsten. Das sieht man bei Kindern, die mehrsprachig aufwachsen. Dafür gibt es medizinische Erklärungen. Aber wichtig ist auch, dass ein Kind in den ersten zehn Jahren liebevoller behandelt wird und so besser durch die Gesellschaft kommt. Dann hätten wir auch weniger Probleme zum Beispiel mit Alkohol und anderen Drogenmissbräuchen. Für mich ist das ein Auswuchs von Misshandlung, von falscher Behandlung. Süchte sind Ersatzfunktionen für Liebe.

Mediziner und Psychologen streiten sich ja gerne, ob die Entwicklung eines Menschen vorwiegend genetisch oder vorwiegend durch Erziehung bedingt ist. Da schließt sich auch wieder der Kreis unserer Stiftungszwecke. Wir brauchen mehr Informationen und Wissen, um den Menschen zu verstehen. Und wir brauchen eine gute Praxis des zwischenmenschlichen Umgangs. Ich wünsche mir, dass jedes Kind, jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft eine faire Chance in unserer Gesellschaft hat.

Red.: Frau Dürr, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


 
 
 
 
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